Wirtschaftliche Macht, politische Fakten und persönliche Integrität

Mittwoch, 28.04.2021
16:00 – 18:00 Uhr

Prof. Dr. Hans W. Giessen, Universität des Saarlandes

Ludwig Bamberger, heute weitgehend unbekannt, entstammte einer Bankiersfamilie aus Mainz. Sein Leben verlief im Grenzbereich zwischen Macht und Geld auf der einen Seite, Moral und politischen Idealen auf der anderen Seite – und im Kontext dazu immer der Frage, wie weit man sich anpassen soll oder muss, um in dieser Gemengelage seine Integrität zu bewahren.
Bamberger kämpfte 1849 in der badisch-pfälzischen Revolutionsarmee. Nach deren Niederschlagung wird er zu Tode verurteilt, flieht zunächst in die Schweiz, wo er ein enger Vertrauter von Pierre-Joseph Proudhon wird, geht später nach London und absolviert dort eine Banklehre, hält aber gleichzeitig Kontakt zu Karl Marx.
Später zieht er nach Paris, wo er das Vorgängerinstitut der heutigen Paribas (der größten Bank Europas) gründet. Nach seiner Begnadigung durch Bismarck arbeitet er für das Deutsche Reich und organisiert die Zivilverwaltung im Elsass, entwickelt für Bismarck die Kriterien der Reichsmark, gründet die Deutsch Bank mit. Dies führt zu großen Konflikten mit seinem bisherigen sozialen Umfeld.
Allerdings: Er hält trotzdem an seinen Überzeugungen fest, das Verhältnis zu Bismarck kippt. Bamberger ist wohl der einzige Mensch, der in Phasen seines Lebens mit Karl Marx und mit Otto von Bismarck befreundet war, und später von beiden als Renegat betrachtet wurde. Also: Ein faszinierendes Leben, dessen Faszination sich gerade aus diesem Spannungsfeld zwischen Macht, sich wandelnden politischen Realitäten und dennoch angestrebter persönlicher Integrität speist.

Prof. Dr. Hans W. Giessen,
Studium an der FU Berlin, der Université de Metz und der Universität des Saarlandes, Saarbrücken. 1992 Promotion. Berufstätigkeit im Medienbereich, Saarbrücken und Luxembourg. Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft, 2001 Habilitation, 2009 apl. Prof. an der Universität des Saarlandes, Saarbrücken. Themen u.a. Medienanalyse, Medienproduktion, medienadäquates Publizieren, Medienwirkungen, E-Learning, Semantik.